• Claudia Brose

Wer bestimmt über dein arbeitsLEBEN im Alter? Du selbst oder die anderen?






Vorgestern sprach ich mit einem Inhaber eines mittelständischen Unternehmens über Arbeiten und Alter/Aufhören....


Er hat einen Mitarbeiter, der mit 15 anfing in seinem Beruf zu arbeiten und mit Ende 50 offiziell in Rente gehen sollte. Das war vor 15 Jahren und der Mitarbeiter ist heute immer noch im Unternehmen: weil er Lust dazu hat, weil er gut und zuverlässig ist, weil er ein enormes Wissen angehäuft hat über Jahrzehnte in der Firma...Der Inhaber hat ihn gerne weiter beschäftigt und ihm auch weiter das gleiche Gehalt gezahlt.


Warum nicht?


Hören wir mit einem bestimmten Alter auf zu arbeiten, weil die Regeln, die Gesetze (die noch nicht ans 21. Jhd angepasst wurden) vorgeben, dass man mit Ende 50, Anfang oder Mitte 60 „in Rente geht“ und „aufhören muss“?


Wir werden heute alle älter, verfügen über ein besseres Gesundheitssystem und durch Studium und Auslandsjahr, was es früher eher weniger gab, starten wir auch etwas später ins Berufsleben und arbeitsLEBEN. Können die Gesetze und das Denken auch mal etwas weiter voranschreiten?


Warum nicht dem Wissen, der Erfahrung, der Bereitschaft und dem Engagement der „reiferen Generation“ mehr Aufmerksamkeit schenken und in unsere Organisationsstrukturen integrieren? Und dies mit dem Pioniergeist, dem Drang zum Ausprobieren und aus Fehlern zu lernen der jüngeren Generation zusammenbringen!


Erfahrung und Neugier für Neues kombinieren


Das ideale Rezept wäre, dass wir lernen, Weisheit und Erfahrung mit Neugier für Neues, Anfängereinstellung, und die Bereitschaft, sich weiter zu entwickeln kombinieren.


„Erfahrung hat wieder ein Comeback. Denn in einer Zeit, in der Unternehmensführungen in der Hand von jungen Generationen ist, werden sich Organisationen endlich wieder Werte wie Demut, emotionale Intelligenz und Weisheit bewusst, die mit dem Alter einhergehen. Und wenn digitale Fähigkeiten möglicherweise nur ein Haltbarkeitsdatum von neuesten Modeerscheinung oder Gadgets haben, verfallen menschliche Fähigkeiten, die Mitarbeiter in der Mitte ihrer Karriere haben - wie gutes Urteilsvermögen, Fachwissen oder die Fähigkeit für Zusammenarbeit und Coaching - niemals.“ So beschreibt es Chip Conley, Autor des Buches “Wisdom at Work: The Making of a Modern Elder”.


Haltbarkeitsdatum abgelaufen


In einem anderen Gespräch vor einigen Tagen erwähnte ein Freund, wie sein Vater in einer Behörde, in der er eine Abteilung über Jahrzehnte erfolgreich aufgebaut und geleitet hat, mit Anfang 60 in Rente geschickt wurde. Da ihm die Arbeit noch viel Spaß macht, er sich noch jung fühlt und sehr beliebt ist bei den Mitarbeitern, bot er an, noch länger zu arbeiten, auch für weniger/kaum Geld, oder weniger Tage.


Nein. Das Haltbarkeitsdatum ist abgelaufen, das Gesetz besagt, dass er nicht mehr weiter arbeiten darf, also musste er einpacken und gehen. Hallo?!?!


Engstirnigkeit, nicht wahrzunehmen und sich bewusstzumachen, wie sich die Arbeits- und Organisationswelt wandelt und in die Zukunft schaut, zeugt von mangelnder Aufmerksamkeit.


UnRuhestand


Wann ist das ideale Alter, sich zur Ruhe zu setzen? Nie.


Wirtschaftswissenschaftler der Harvard University haben den Begriff "Un-Ruhestand" geformt, um die Menge von Menschen zu beschreiben, die in Rente gehen, feststellen, dass sie das nicht mögen, und wieder anfangen, zu arbeiten. Zwischen 25 und 40 Prozent der Rentner treten wieder auf den Arbeitsmarkt ein.


Als Begründung geben die UnRuheständler an, einen Sinn/Zweck zu haben, das Gehirn weiter zu nutzen und sozialer Austausch und Engagement.


Der Neurowissenschaftler Daniel Levitin hat Menschen zwischen 70 und 100 interviewt und sie gefragt, was bei ihnen zur Lebenszufriedenheit beiträgt. Jeder einzelne von denen hat immer noch gearbeitet. Einige haben ihren Arbeitsrhythmus geändert wegen altersbedingten Verlangsamungen, aber in den Teiltagen, an denen sie arbeiten, erreichen sie mehr als die meisten ihrer jüngeren Kollegen.


Mehrgenerationen Teams


Es hat sich herausgestellt, dass Teams mit mehreren Generationen und älteren Mitgliedern in der Regel produktiver sind. Ältere Teammitglieder steigern die Produktivität ihrer Kollegen und solche Teams übertreffen meist die Leistungen derer, die aus einer gleichen Generation bestehen.


Letztendlich sollte es doch das Ziel sein, dass sich jeder in einer Organisation oder Gruppe eingeschlossen, willkommen, geschätzt und respektiert fühlt. Was nichts anderes heißt, als Aufmerksamkeit zu schenken und dadurch eine fruchtbare Zusammenarbeit zu fördern.


Der amerikanische Filmemacher und Theaterdirektor Frederick Wiseman ist 91, hat letztes Jahr kurz vor dem Lockdown wieder einen Film fertig gestellt und kann es nicht abwarten wieder zu arbeiten, wenn die Corona Beschränkungen aufgehoben werden.


Vor einigen Jahren beschrieb er: „Was mein Alter angeht, bin ich völlig ignorant und achte nicht darauf, was ich für äußerst nützlich halte. Natürlich erlaube ich mir von Zeit zu Zeit, mir meines Alters bewusst zu werden, aber es ist nicht etwas, worüber ich nachdenke. Ich mag es zu arbeiten. Ich arbeite sehr intensiv.


UnRuhe und kein Stillstand. arbeitsLEBEN. Warum auch nicht?

photo © John McDermott | www.mcdfoto.com

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